Heim
2002 / 2003
Es leben weniger als 20 Prozent der
Alten in Deutschland bei ihren erwachsenen Kindern. Und nur rund 5 Prozent leben
in Krankenhäusern oder Altersheimen.
Im Alter erscheint es schwieriger, soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten. Die
Gründe hierfür sind gesundheitliche Beeinträchtigungen, der Tod
von Familienmitgliedern und Freunden, der Verlust von Arbeitskollegen und der
Mangel an geeigneten und bezahlbaren Verkehrsmöglichkeiten. Trotzdem investiert
ein großer Teil der älteren Leute ein hohes Maß an Zeit und
Energie in Freundschaften und Familie. Viele versuchen, in speziellen Zentren
und Clubs für ältere Mitbürger neue Bekannte zu finden. Dennoch
stellt Vereinsamung bzw. Einsamkeit ein reales Problem für viele alte Menschen
dar.
In vielerlei Hinsicht geraten ältere Leute durch den Jugendlichkeitskult
der modernen Gesellschaft und die Tendenz westlicher Kulturen, den Tod zu verdrängen,
ins Hintertreffen. Meist sieht man in ihnen das Stereotyp der gebrechlichen
Alten, die ihre Entscheidungen nicht mehr ohne die Hilfe von Jüngeren fällen
können. Früher begegnete man auch in den westlichen Ländern älteren
Leuten mit Respekt, wie das in Ländern wie China und Japan tatsächlich
auch heute noch üblich ist. In den meisten modernen Gesellschaften ist
das jedoch nicht mehr der Fall.
Fünf Frauen aus Berliner Seniorenheimen sprechen über ihre Situation, über ihre Kontakte zu anderen Heimbewohnern, ihre Einsamkeit, ihren Alltag und ihre Wünsche. Auf fünf Fernsehern ist ein Ausschnitt aus ihren Zimmern (Filme mit Standkamera von ihren Betten) zu sehen, auf denen man nur ab und zu die Veränderung des Lichts oder einen Windzug wahrnehmen kann. Aus den jeweiligen Zimmern hört man im Wechsel die Stimmen der Bewohnerinnen.
Der Begriff "Heim" steht
für ein Zuhause, für Familie, eine Zuflucht, einen Ort an dem man
wohnt, an den man sich zurückziehen kann. Ein Seniorenheim ist die Simulation
eines Heims. Betritt man ein solches, fällt einem meist zunächst der
ungemütliche Anstaltscharakter auf. Die Zimmer sind fast gleich und erinnern
an Verwahrungszellen. Die Türen der Bewohner sind nie verschlossen, so
dass fremde Menschen einfach eintreten können. Die Menschen, welche das
Zimmer saubermachen und sich um die alten Menschen kümmern, sind nicht
ihre Verwandten. Sie wurden dafür bezahlt da zu sein.
Tatsächlich ist ein Seniorenheim eine Subversion eines "Heims"
- einer privaten, häuslichen Umgebung. Menschen mit extrem verschiedenen
Charakteren werden gezwungen, zusammen zu wohnen. Denn ihre Lebensgeschichten,
ihre Bildung und ihre Interessen sind häufig sehr unterschiedlich.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Bewohner aufgrund ihres Alters so in ihren
Gewohnheiten und Weltanschauungen festsitzen, dass sie Schwierigkeiten haben,
sich auf Neues einzulassen. Abgesehen von ein paar wenigen fällt es ihnen
schwer, sich in einer neuen Gemeinschaft zurecht zu finden. Was häufig
zur Folge hat, dass Offenheit und Zuversicht in Misstrauen und Ängstlichkeit
umschlagen. Die Bewohner haben selten sozialen Kontakt und sind voneinander
isoliert. Sie leben alle im selben Haus und sind doch voneinander abgeschottet.
Sie können nie allein sein und sind trotzdem einsam. Ein Großteil
der Frauen unterlässt - abgesehen vom fernsehen - jegliche Aktivitäten
und scheint nur noch auf das Ende zu warten.
"Mir ist vor allem der große
Unterschied zwischen Frauen, welche viel am öffentlichen Leben teilnahmen,
einen Beruf ausübten, Freunde trafen und oft reisten, und "Nur-Hausfrauen",
die sich hauptsächlich um ihre Familie gekümmert haben, aufgefallen.
Je selbstständiger und aktiver die Menschen im Leben gewesen sind, desto
weniger Probleme haben sie im Alter, sich auf neue Situationen und Menschen
einzulassen.
Ich habe mich mit einer Vielzahl von Frauen in verschiedenen Heimen unterhalten,
und versuche mit meiner Arbeit die Türen in diese sonst so unbeachtete,
fremde Welt der Senioren ein wenig für die Außenwelt zu öffnen."