Jennifer Baumeister

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Heim
2002 / 2003

Es leben weniger als 20 Prozent der Alten in Deutschland bei ihren erwachsenen Kindern. Und nur rund 5 Prozent leben in Krankenhäusern oder Altersheimen.
Im Alter erscheint es schwieriger, soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten. Die Gründe hierfür sind gesundheitliche Beeinträchtigungen, der Tod von Familienmitgliedern und Freunden, der Verlust von Arbeitskollegen und der Mangel an geeigneten und bezahlbaren Verkehrsmöglichkeiten. Trotzdem investiert ein großer Teil der älteren Leute ein hohes Maß an Zeit und Energie in Freundschaften und Familie. Viele versuchen, in speziellen Zentren und Clubs für ältere Mitbürger neue Bekannte zu finden. Dennoch stellt Vereinsamung bzw. Einsamkeit ein reales Problem für viele alte Menschen dar.
In vielerlei Hinsicht geraten ältere Leute durch den Jugendlichkeitskult der modernen Gesellschaft und die Tendenz westlicher Kulturen, den Tod zu verdrängen, ins Hintertreffen. Meist sieht man in ihnen das Stereotyp der gebrechlichen Alten, die ihre Entscheidungen nicht mehr ohne die Hilfe von Jüngeren fällen können. Früher begegnete man auch in den westlichen Ländern älteren Leuten mit Respekt, wie das in Ländern wie China und Japan tatsächlich auch heute noch üblich ist. In den meisten modernen Gesellschaften ist das jedoch nicht mehr der Fall.

Fünf Frauen aus Berliner Seniorenheimen sprechen über ihre Situation, über ihre Kontakte zu anderen Heimbewohnern, ihre Einsamkeit, ihren Alltag und ihre Wünsche. Auf fünf Fernsehern ist ein Ausschnitt aus ihren Zimmern (Filme mit Standkamera von ihren Betten) zu sehen, auf denen man nur ab und zu die Veränderung des Lichts oder einen Windzug wahrnehmen kann. Aus den jeweiligen Zimmern hört man im Wechsel die Stimmen der Bewohnerinnen.

Der Begriff "Heim" steht für ein Zuhause, für Familie, eine Zuflucht, einen Ort an dem man wohnt, an den man sich zurückziehen kann. Ein Seniorenheim ist die Simulation eines Heims. Betritt man ein solches, fällt einem meist zunächst der ungemütliche Anstaltscharakter auf. Die Zimmer sind fast gleich und erinnern an Verwahrungszellen. Die Türen der Bewohner sind nie verschlossen, so dass fremde Menschen einfach eintreten können. Die Menschen, welche das Zimmer saubermachen und sich um die alten Menschen kümmern, sind nicht ihre Verwandten. Sie wurden dafür bezahlt da zu sein.
Tatsächlich ist ein Seniorenheim eine Subversion eines "Heims" - einer privaten, häuslichen Umgebung. Menschen mit extrem verschiedenen Charakteren werden gezwungen, zusammen zu wohnen. Denn ihre Lebensgeschichten, ihre Bildung und ihre Interessen sind häufig sehr unterschiedlich.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Bewohner aufgrund ihres Alters so in ihren Gewohnheiten und Weltanschauungen festsitzen, dass sie Schwierigkeiten haben, sich auf Neues einzulassen. Abgesehen von ein paar wenigen fällt es ihnen schwer, sich in einer neuen Gemeinschaft zurecht zu finden. Was häufig zur Folge hat, dass Offenheit und Zuversicht in Misstrauen und Ängstlichkeit umschlagen. Die Bewohner haben selten sozialen Kontakt und sind voneinander isoliert. Sie leben alle im selben Haus und sind doch voneinander abgeschottet. Sie können nie allein sein und sind trotzdem einsam. Ein Großteil der Frauen unterlässt - abgesehen vom fernsehen - jegliche Aktivitäten und scheint nur noch auf das Ende zu warten.

"Mir ist vor allem der große Unterschied zwischen Frauen, welche viel am öffentlichen Leben teilnahmen, einen Beruf ausübten, Freunde trafen und oft reisten, und "Nur-Hausfrauen", die sich hauptsächlich um ihre Familie gekümmert haben, aufgefallen.
Je selbstständiger und aktiver die Menschen im Leben gewesen sind, desto weniger Probleme haben sie im Alter, sich auf neue Situationen und Menschen einzulassen.
Ich habe mich mit einer Vielzahl von Frauen in verschiedenen Heimen unterhalten, und versuche mit meiner Arbeit die Türen in diese sonst so unbeachtete, fremde Welt der Senioren ein wenig für die Außenwelt zu öffnen."


Dokumentation

Stimmen

Ausstellung in der Münzstr.